Eine Meinung als abweichend zu bezeichnen setzt voraus, dass es eine „führende“ Meinung gibt. Das wäre möglich, wenn eine Gruppe Menschen berechtigt ist, eine bestimmte Meinung als „richtig“, als maßgeblich zu definieren. Das wiederum setzte voraus, dass alle Menschen damit einverstanden sind, eine von ihnen allen einvernehmlich definierte Hierarchie von Meinungen zu akzeptieren. Das ist theoretisch möglich, praktisch aber nicht. Denn es würde voraussetzen, dass sowohl die verschiedenen Meinungen abschließend feststehen, als auch deren Hierarchie als unveränderlich bekannt und akzeptiert ist. Das wiederum würde bedeuten, dass es keine neuen oder sich verändernden Meinungen gäbe – und das ist nicht möglich, solange Menschen bereit und in der Lage sind, Ideen und den Willen zu ihrer Realisierung zu entwickeln.
Die Fähigkeit und der Wille, sich eine Meinung zu bilden, auch eine Meinung, die im Übrigen niemand anderes hat, ist Teil des Wesens des Menschen. Nur so konnten und kann Vielfalt und Entwicklung entstehen und stattfinden. Das ist Freiheit.
Der Wunsch, das Ziel, die Bildung oder Entwicklung von Meinungen zu verhindern oder zumindest zu steuern, ist der Wunsch, Freiheit abzuschaffen. Meinungen als abweichend zu bezeichnen, ist der Wunsch, Meinungen auszugrenzen, indem sie als „unzulässig“ ausgegrenzt werden sollen. Auch das ist der Versuch, Freiheit zu begrenzen. Wer von abweichenden Meinungen spricht, oder gar die eigene, gewünschte Meinung als „alternativlos“ und damit als allein gültig in die Mitte stellt, möchte Meinungsfreiheit verhindern oder abschaffen. Letztendlich ist es nichts anderes als Unterdrückung von Meinungsfreiheit.
In autoritären Systemen wird Meinungsfreiheit auf direktem Weg durch Repression unterdrückt. In vorgeblich freiheitlichen Systemen bedienen Herrschende sich des (indirekten) Umwegs, Meinungsfreiheit zu proklamieren, um unerwünschte Meinungen dann mit dem Makel „abweichend“ zu delegitimieren, also zu unterdrücken. In beiden Fällen ist es der Versuch, die Freiheit individueller Meinungsbildung und Meinungsäußerung einzuschränken.

