Am 27. Juni 2023 verstarb Peter Bieri, vielen eher bekannt mit seinem Pseudonym Pascal Mercier, unter dem er seine philophischen Romane und Novellen veröffentlich hat. Peter Bieri war Philosoph und Schriftsteller und seine literarischen Werke entwickeln sich genau entlang der Nahtstelle, an der beides, Philosophie und Literatur, sich verzahnen und gegenseitig bereichern.
“Nachtzug nach Lissabon” ist das wohl bekannteste seiner Bücher, um die es hier gehen soll. Weniger bekannt, aber genauso lesenswert sind “Der Klavierstimmer”, “Lea”, “Perlmanns Schweigen” und “Das Gewicht der Worte”, das letzte von Pascal Mercier veröffentlichte Werk. Alle sind zahlreich rezensiert worden und jede Rezension hat ihren berechtigten Blickwinkel eingenommen. Gegenstand dieses Beitrags ist ein Blick auf die Werke Pascal Merciers von einem Standpunkt aus, der vergleichsweise selten zu begegen ist.
Peter Bieri gilt als ein Philosoph, für den die Freiheit des Willens, die Selbstbestimmung und Würde des Einzelnen von besonderer Bedeutung waren. In den fünf Romanen und Novellen, die der Schriftsteller Pascal Mercier veröffentlicht hat, rückt ein Gedanke in den Vordergrund, der diesen Platz auch nach mehrmaligem Lesen nicht hat verlassen müssen. Mit dem Titel des letzten veröffentlichten Buches wird er ausgesprochen: “Das Gewicht der Worte”. Der gesprochenen und noch mehr der nicht gesprochenen Worte zwischen den handelnden Personen. Wie viel der dramatischen Entwicklung einer eingangs als lösbar erscheinenden Situation wäre ihnen erspart geblieben, hätten sie miteinander und nicht nur zu sich selbst gesprochen? Wie wenig verkrampft wäre das Miteinander geblieben, wären die Gedanken ausgesprochen worden, so dass sie nicht in sich immer weiter voneinander entfernenden Wünschen vereinsamt wären, an deren Ende sie nicht mehr ins Miteinander zurückfanden? Die sich immer weiter steigernde Verzweiflung des, wie sollte es anders sein, Sprachwissenschaftlers Philipp Perlmann, der es nicht schafft auszusprechen, was er möchte und was er nicht möchte, erstickt ein von den anderen Teilnehmern freudig erwartetes Treffen mehr und mehr in “Perlmanns Schweigen”. Das bedrückende, mehr und mehr verzweifelte Nebeneinander des Vaters und seiner Tochter “Lea”, die beide Nähe suchen und mit jedem nicht ausgesprochenen Wunsch und Wort immer mehr Ferne schaffen, Entfremdung, die unaufgehalten in die Katastrophe führt.
Das Gewicht und die Kraft der Worte sind in allen Büchern Pascal Merciers in faszinierender, fesselnder Weise orchestriert. Jeder Satz, jedes Wort muss genau so lauten, muss genau so eingeflochten sein in die Harmonie des Werkes. Es sind weniger der Ort und die Handlung, dafür aber umso stärker die Gedanken und die Gespräche, die geführten und noch mehr die nicht geführten, die man beim Lesen regelrecht herbeirufen möchte.
Das Gewicht und die Kraft dieser Worte, der gesprochenen und der nicht gesprochenen, wirken nicht nur auf den Leser. Sie wirken ebenso intensiv und unwiderstehlich auf die Protagonisten. Sie ranken sich um die Frage, ob der für sich gewählte Weg der eigene, der sich aus der persönlichen Freiheit heraus gewählte ist. Oder ob er ein viel zu grosser Kompromiss mit den Erwartungen, den Einflüssen anderer auf sich selbst ist. Ein um sich greifender Kompromiss auf Kosten der eigenen Freiheit und Selbstbestimmung bis hin zur Selbstaufgabe. Ist die eigene Freiheit energisch genug verteidigt worden und wenn nicht, warum nicht? Hätten Worte, andere oder überhaupt ausgesprochene, die Aufgabe der persönlichen Freiheit verhindert? Hätte dem Gewicht der Worte anderer nicht viel konsequenter, kompromissloser das Gewicht der eigenen Worte entgegengesetzt werden müssen?
Die eigenen Worte, die nicht von anderen beeinflussten Worte, sind Ausdruck des persönlichen Willens. Sie sind Freiheit, sie sind Selbstbestimmung - nach innen und nach aussen. Je authentischer sie sind, desto mehr Gewicht haben sie.
Die Werke Pascal Merciers sind erschienen beim Hanser Verlag.
Der letzte Roman aus der Feder von Pascal Mercier (Peter Bieri) mit einem Titel, der so vieles über die Bedeutung von Worten in seinen Werken zum Ausdruck bringt - der gesprochenen und der nicht gesprochenen.
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